Schwachheit fühlt sich gar nicht gut an. Die pädagogische Aufforderung „Sei stark!“ wird Kindern schon früh als erstrebenswertes Ziel auf den Lebensweg mitgegeben. Mit gutem Grund. Doch Schwachheit gehört zum Leben. Sie begegnet in mancherlei Gestalt: als Hinfälligkeit im Alter oder Begleiterscheinung einer Erkrankung; in allgemeiner Kraftlosigkeit und Erschöpfung oder in der Zerbrechlichkeit von Lebensentwürfen; als ohnmächtiges Erleben eigener Begrenzungen oder als Unterlegenheit der Argumente in Diskussionen oder Verhandlungen im beruflichen Alltag; nicht zuletzt in der Sorge um eine sich nur schwach entwickelnde Volkswirtschaft. Schwachheit wird gefürchtet.
Auch Christen, die ihr Vertrauen ganz auf Gott setzen, sind nicht immer stark und souverän. Selbst Menschen mit außergewöhnlichen Glaubenserfahrungen oder einzigartigen Offenbarungen wie der Apostel Paulus (vgl. 2. Kor 12, 1ff) sind nicht vor äußerst bedrohlichen Anfechtungen (V.7) geschützt. Das Erleben von Schwachheit, Ohnmacht und Anfechtung ist kein Beleg für mangelnden Glauben.
Wie gehen wir mit Schwachheit um? Sie überspielen oder verstecken und nach außen hin überlegen wirken? Sich stark geben, wie es im Beruf geboten scheint? Sie durch fromme Worte übertünchen, wie es mitunter im Raum der Gemeinde mit ihren besonders hohen Idealen zu erleben ist? Oder umgekehrt mit ihr kokettieren, um Aufmerksamkeit zu erheischen, gar „Kapital“ aus ihr schlagen und sie nutzen, um andere in Dienst zu nehmen?
Die Jahreslosung weist einen anderen Weg. Der 1. Schritt wird immer die vertrauensvolle Bitte sein, dass Gott die Schwachheit nimmt und in Kraft wandelt. Doch wenn er sie nicht aufhebt, bedeutet diese Enttäuschung nicht das Ende, sondern einen Anfang. Gott gibt nicht weniger, sondern mehr als wir bitten. Seine Antwort an Paulus „Lass dir an meiner Gnade genügen!“ (2. Kor 12,9a) meint nicht: „Gib Dich zufrieden!“, sondern leitet einen sehr grundsätzlichen Perspektivwechsel ein. Sie lädt ein, angesichts eigener Ohnmacht eine andere Kraftquelle zu entdecken, die über alle menschlichen Ressourcen hinausgeht. Auf Gottes Gnade zu vertrauen, ist kein Ausdruck der Schwäche. Wer den Unterschied zwischen Mensch und Gott anerkennt, wie er in unserer Schwachheit und seiner Kraft zum Ausdruck kommt, ehrt Gott.
Und: Schwäche und Kraftlosigkeit bilden nicht länger Anlass zum Ärger darüber oder zu Verzweiflung und Resignation, sondern führen in das Zentrum christlichen Glaubens und zur Tiefenerfahrung der Gnade Gottes. Seine Gnade hebt Schwachheit nicht einfach auf, sondern erweist sich in ihr als machtvoll.
Paulus bekennt, dass gerade die Erfahrung der Schwachheit ihm geholfen hat, Gottes Kraft zu erfahren. Mögen auch uns Zeiten der Kraftlosigkeit im neuen Jahr zu Zeiten besonderer Erfahrungen der Gnade Gottes werden!
Olaf Kormannshaus
Olaf Kormannshaus unterrichtet Praktische Theologie mit dem Schwerpunkt Seelsorge sowie Psychologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule) des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland